Die 802.11+-Initiative von D-Link wurde von der WLAN-Branche zunächst äußerst skeptisch kommentiert. Zwei Stichprobenumfragen - gleich nach dem Verkaufsstart der D-Link-Produkte im Herbst 2002 und dann noch einmal nach den ersten Erfolgen der D-Link-Initiative im Frühling 2003 bei erfahrenen Branchenexperten lieferten folgende Kommentare:
Bereits am 10.10.2002 hatten wir Mario Rieth, seinerzeit Sales Director von Proxim Deutschland, Österreich und Schweiz, zu 802.11+ befragt und folgenden Kommentar erhalten:
"Zurzeit würde ich niemandem empfehlen, noch mit 22 Megabit anzufangen, da sich in Kürze bereits 54 Megabit-Lösungen im 2,4- und 5-GHz-Bereich anbieten. Auch in der Vergangenheit haben sich "proprietäre" Zwischenlösungen im Wireless-Bereich nicht durchsetzen können. Eine neue Lösung muss für den Anwender einen echten Mehrwert bringen. Der Schritt von 11 auf 22 Megabit bringt dem Anwender rein netto beim Datendurchsatz zu wenig, der Sprung auf 54 Megabit lohnt sich signifikant."
Bereits am 5. Oktober 2002 hatten wir Martin Böttner, seinerzeit Channel Field Sales Manager Central Europe der Communications Group von Intel, um eine Kommentierung gebeten und folgende knappe Antwort erhalten:
"Intel präferiert das schnellere 802.11a. Warum sollte man sich mit 22 Megabit begnügen, wenn man auch 54 haben kann?"
Unmittelbar vor der CeBit 2003 hatten wir noch einmal in der Branche abgefragt, ob aus 802.11+ denn noch etwas werden könne, und recht pikante Antworten bekommen. So erklärte Nakita DiGuardi, europäische Produktmanagerin für WLAN-Geräte bei Belkin:
"Warum sollten wir unsere Zeit mit 22 Megabit verplempern, wenn wir auch gleich mit 54g ganz vorne dran sein können? Ich habe 22-MBit/s-WLANs von drei Anbietern getestet und da war die Reichweite niedriger als bei unseren herkömmlichen 11-Megabit-Produkten. Das ist ein reiner Marketing-Gag, damit fängt man unbedarfte Käufer... Natürlich haben die Leute solche 802.11b+ Produkte gekauft, weil 22 Megabit besser klingt als 11 Megabit. Aber haben Sie mal die Reichweite getestet, haben Sie mal die Interferenzprobleme gemessen? Wissen Sie, wie viele Leute die 22-Megabit-Produkte beim Händler wieder zurückgeben wollten?"
Carsten Queisser, Product Marketing Manager Enterprise bei Cisco Systems, kommentierte 802.11b+ kurz vor der CeBIT 2003 folgendermaßen:
"Das ist für Cisco kein Thema, da es sich hier um eine proprietäre Lösung eines Chip-Herstellers handelt. Für höhere Bandbreiten sind Technologien wie 802.11a und demnächst 802.11g verfügbar."
Ales Cutuna, Director of WLAN Mobility Solutions bei Fujitsu Siemens Computers führte aus:
"Wir haben uns entschieden, diese Produkte bei uns nicht einzuführen, da sie dem Kunden keinen wirklichen Vorteil bringen. Dieser Standard bringt im Datendurchsatz netto nur ca. 0,5 bis 1 MBit/s mehr als 802.11b. Kompatibel zu 802.11b und 802.11g sind die 802.11b+-22-MBit/s-Produkte auch nur im 11-MBit/s-Modus. Der Kunde bezahlt für etwas, das in Zukunft von keinem Standard unterstützt wird. Die 802.11g-Karten unterstützen den 22-MBit/s-Mode ebenfalls nicht. Wir setzen daher voll auf 802.11g-Produkte."
Eckhart Traber von der Lancom Systems GmbH, zu den Kämpfen hinter den IEEE-Kulissen:
"Es laufen bereits seit einiger Zeit Bestrebungen, auch im 2,4-GHz-Band höhere Datenraten als 11 Megabit zur Verfügung zu stellen, die unter dem geplanten Standard 802.11g zusammengefasst werden sollen. Im IEEE-Standardisierungsgremium gibt es zwei Parteien, die hierbei unterschiedliche Modulationsverfahren favorisierten. Die Mehrheit bevorzugte das schon im 5-GHz-Frequenzband mit dem 802.11a-Standard eingesetzte OFDM (Orthogonal Frequency Division Multiplexing), das Übertragungsraten von bis zu 54 Megabit pro Sekunde ermöglicht. Texas Instruments als Chiphersteller hingegen favorisierte das eigene Verfahren PBCC, sprich Packet Binary Convolution Coding, das Übertragungsraten von bis zu 33 Megabit erlaubt. Das IEEE-Gremium hat sich geeinigt, dass eine 802.11g-Karte OFDM unterstützen muss, PBCC jedoch nur optional ist. Die bisherigen Datenraten von 1, 2, 5.5 und 11 muss sie natürlich auch kennen, um abwärtskompatibel zum 802.11b-Standard mit seiner breiten installierten Basis zu sein. Mit der endgültigen Verabschiedung des 802.11g-Standards und Verfügbarkeit von OFDM-fähigen 802.11g-Karten ist voraussichtlich Ende des ersten Halbjahres 2003 zu rechnen, und es ist gut möglich, dass diese kein PBCC unterstützen werden. Die 22-Megabit-Karten, die momentan am Markt sind, beherrschen jedoch nur PBCC, was bedeutet, dass diese Karten mit den zukünftigen 802.11g-Karten voraussichtlich nur mit maximal 11 Megabit kommunizieren werden können. Wer also jetzt in diese Technik investiert, riskiert in eine technische Sackgasse zu laufen. Es ist momentan nicht abzusehen, ob sich PBCC stark genug durchsetzen wird, dass auch das "OFDM-Lager" darauf eingehen muss. LANCOM Systems wird auch in Zukunft nur Karten anbieten, die standardkonform sind und ein Höchstmaß an Interoperabilität bieten."
Marco Peters, Regional Manager D/A/CH von Netgear, kurz vor der CeBit 2003:
"Das so genannte 802.11b+ ist ja kein freigegebener IEEE-Standard. Da ist Texas Instruments mit seiner eigenen Entwicklung einen proprietären Weg gegangen. Wir haben uns gegen diesen Weg entschieden, weil die Performance nicht so ist, wie der Käufer das erwarten kann, wenn man ihm 22 Megabit suggerieren will. Der Kunde erwartet ja den doppelten Nettodurchsatz, und das hat sich in unseren Untersuchungen nicht bewahrheitet. Ich kann aber nicht ausschließen, dass wir bei weiteren Verbesserungen der 22-MBit/s-Technik diese Varianten einmal zusätzlich mit unterstützen werden."
Michael Marsanu, Geschäftsführer von Artem, sagte uns kurz vor der CeBIT 2003:
"ARtem orientiert sich ausschließlich an internationalen Standards. Deshalb haben wir bereits vor einem Jahr erkannt, dass Lösungen, die auf proprietären Standards basieren, wie 11+, eher einen Lückenfüller darstellen und nicht länger als 12 bis 18 Monate Bestand am Markt haben. Die ARtem-Produkte können eine höhere Kontinuität darstellen, so werden wir z.B. in der Lage sein, allen ARtem-11b-Kunden, die in den letzten 3,5 Jahren Produkte bezogen haben, ein kostenloses Update auf den neuen Sicherheitsstandard WPA anzubieten. Spätestens mit der Einführung der ComPoint-11g-Varianten... sehen wir keinen Grund für den Einsatz proprietärer 11+-Produkte."
Peter Hemmer, Geschäftsführer von Sitecom Deutschland, erläuterte kurz vor der CeBIT 2003:
"...wir haben keine Pläne, 11b+ zu unterstützen. Diese 22-MBit/s-Karten und AP’s bringen lang nicht das, was sie so vollmundig versprechen. Unlängst sind die 11b+ Geräte bei mehreren Tests schlecht bewertet worden, Geschwindigkeiten von knapp über 5 MBit/s waren das Ergebnis, was einem normalen 11b-Gerät entspricht. 11b+ ist kein offizieller Standard und es macht auch keinen Sinn, wenn 54 MBit/s zum gleichen Preis zu haben ist."
Müssen wir nun alle Leser zutiefst bedauern, die von D-Link und weiteren Anbietern solche 802.11+ Produkte gekauft haben? Immerhin stehen solche Produkte nach wie vor in den Regalen des MediaMarkt vor unserer Münchener Haustüre und sind bei weiteren Händlern zu attraktiven Preisen erhältlich. Und für Produkte mit proprietären Erweiterungen des Standards 802.11g werben inzwischen unter anderen Lancom, Netgear und U.S. Robotics.
Also zitieren wir zum Schluss Klaus Dieter Hesse, Managing Director von D-Link Deutschland und Vice President von D-Link Central and Eastern European Area, ebenfalls unmittelbar vor der CeBit 2003:
"Im September 2002 haben wir unsere 22-Megabit-Wireless-Serie AirPlus mit großem Erfolg auf den Markt gebracht. Die Verkaufszahlen haben unseren Entschluss bestätigt, nicht auf den 54-Megabit-Standard zu warten, sondern dem Wireless-Interessenten schon zum damaligen Zeitpunkt eine schnellere Lösung zu bieten. Die Serie besteht derzeit aus einer CardBus Card DWL-650+, einem PCI Adapter DWL-520+, einem Access Point DWL-900AP+ und einem Internet Gateway DI-614+... Neben unseren bereits bestehenden 22-Megabit-Produkten werden wir... einen weiteren multifunktionalen Internet Gateway in die 22-Megabit-AirPlus-Familie aufnehmen. Dieser sog. DI-714P+ verfügt neben 22-Megabit-AccessPoint, Internet Gateway und 4-Port-Switch auch über einen Printserver. Ein schönes All-In-One-Gerät, insbesondere für kleine Büros. Weiterhin gibt es für alle AirPlus-User und für diejenigen, die es in Zukunft noch werden, ein kleines Bonbon. Wir bieten auf unserer Homepage in naher Zukunft einen kostenfreien Firmware-Download auf 44 Megabit pro Sekunde an. Unsere Techniker arbeiten fieberhaft an der Perfektionierung und wir hoffen, dass wir den Turbo schon zur CeBit 2003 promoten können! ... Die AirPlus Geräte sind 100% abwärtskompatibel, darauf haben wir besonderen Wert gelegt."
