Wie kriminelle Organisationen jungen Hackern Geld beschaffen: Kinderarbeit im Internet
In Anlehnung an die von Fagin angeheuerten kindlichen Taschendiebe in Dickens "Oliver Twist" bedienen sich Internetkriminelle in ihren illegalen Unternehmen immer häufiger internetbeflissener Jugendlicher.
Kriminelle Organisationen werben Hacker und Skript-Kids an, die auf einen Nervenkitzel aus sind und beschaffen sich so die Expertise und die Werkzeuge, die sie zur Durchführung "klassischer" Verbrechen, wie z. B. Schutzgelderpressung, im Internet benötigen.
Fallbeispiel: Liquid FX - Das Hackerforum im Internet
Der Fall "Liquid FX" in Deutschland veranschaulicht die Hierarchie und die Ausbeutung von "untergeordneten" Hackern. Die Gruppe warb eine Reihe von wenig erfahrenen "Kididioten" und Hackern an, denen die grundlegende Aufgabe zugewiesen wurde, anfällige Computer ausfindig zu machen, die gehackt werden könnten. Einige von ihnen waren sich über die Konsequenzen ihres Tuns überhaupt nicht im Klaren.
Im März 2004 durchsuchten 15 Polizeiteams 132 Wohnungen von Mitgliedern des Internet- Hackerforums Liquid FX. Insgesamt 126 Hacker wurden angeklagt. Die Ermittlungen ergaben, dass es sich bei Liquid FX um eine grenzenübergreifende Organisation handelte, der 476 Mitglieder aus 33 Ländern angehörten. Sie betrieben 11.820 sog. Zombies (infizierte Computer, die sich unter der Kontrolle einer anderen Person befinden) in 83 Ländern, von denen aber nur 619 in Deutschland festgestellt werden konnten. Diese 619 Zombies gehörten 344 Unternehmen und Organisationen an und wurden verwendet, um gestohlene Software sowie Film- und Musikdateien zu speichern. Liquid FX war hierarchisch strukturiert und beschäftigte Spezialisten für das Aufspüren anfälliger Rechner, für das Einhacken in diese Computer sowie für das Hochladen des gestohlenen Materials. Die Gruppe war aber auch an Fällen von Kreditkartenbetrug beteiligt, dem eigentlichen Auslöser der polizeilichen Ermittlungen.
Es handelt sich um eine Art moderner Kinderarbeit, vergleichbar mit den klassischen Hierarchien von Drogendealern und -schmugglern, mit skrupellosen Bossen und einer unnachgiebigen Hackordnung, bei der die Untergebenen - wie in diesem Fall die Skript-Kids - immer größere Risiken eingehen müssen, ersetzbar sind und zum Schutz ihrer Bosse ggf. einfach fallen gelassen werden.
Marc Rogers, früherer Kriminalbeamter und nun außerordentlicher Professor in der Abteilung für Computertechnologie an der Purdue University, USA, erklärt: "Wir haben es mit mehreren Ebenen zu tun. Da sind zum einen die Jungs, die einen Virus schreiben, aber genau wissen, dass sie ihn nicht verbreiten dürfen, weil das verboten ist. Also überlassen sie die Verbreitung des Virus einem der Skript-Kids, von dem sie wissen, dass er sich in der Virenunterwelt wie ein großes Tier vorkommen wird, wenn er einen solchen Virus verbreitet. Sie wissen genau, dass einer dieser Neulinge nur auf eine solche Gelegenheit wartet."
Es gibt zunehmend Hinweise auf "Internet-Kinderarbeit" in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland, wo organisierte Kriminelle junge Hacker und Virenschreiber anwerben, die dann im Rahmen einer geschickt eingefädelten Erpressung deren kriminelle Wünsche erfüllen.
In Großbritannien liegen Scotland Yard bereits Berichte vor, denen zufolge Kriminelle die Skript-Kids im Internet in Chaträumen ansprechen. Ein Sprecher der National Hi-Tech Crime Unit (NHTCU) sagt: "Wir haben Informationen, die darauf hinweisen, dass das organisierte Verbrechen in Europa Hacker anwirbt, um Angriffe auf Computersysteme durchzuführen." Dieser Einsatz von Skript-Kids kann als moderne Form von Kinderarbeit angesehen werden und ist vergleichbar mit der Taktik eines Drogendealers, der ein 13- jähriges Kind als Schmuggler missbraucht. Die Skript-Kids haben keinen Überblick über die kriminelle Operation als solche und können schließlich leicht fallen gelassen werden. Dieses Vorgehen wird sich wohl bald auf ganz Europa ausweiten.
In einigen Fällen ist den Kids aber auch gar nicht bewusst, dass ihre Arbeit einem kriminellen Zweck dient.
