Win4Lin Professional von NeTraverse hat einen spezifischeren Anwendungsbereich, so dass es sich besser für einzelne Funktionen (gelegentlicher Zugriff auf wenige kritische Windows-Anwendungen) für Neueinsteiger und Früheinsteiger eignet, die vom Windows-Desktop migrieren. Nicht jede Situation erfordert die komplette Emulationsumgebung von VMware-Workstation und Server, dessen Ressourcenbedarf und betrieblicher Overhead bei überlasteten Systemen oder Systemen, die nicht ausreichend mit Strom versorgt wurden, zum Problem werden kann. Im Gegensatz zum proprietären Framework von VMware baut Win4Lin auf einer freien Emulations-Software namens QEMU auf.
QEMU ist eine komplette Emulationsumgebung für x86-Architekturen, die noch nicht vollständig abgeschlossen ist. Noch fehlen bestimmte Funktionen anderer, vollständiger Emulations-Suites wie Bochs oder VMware von EMC. Es fehlt QEMU zum Beispiel an einem umfassenden Support für Windows-Betriebssystemversionen und -Funktionen (wie Windows XP ohne Service Packs oder DirectX-Grafikfunktionen), und es gibt für viele Eingabegeräte auch keine nativen Gerätetreiber (was einen zusätzlichen Overhead bei Multimedia-Arbeiten bedeutet). Trotzdem ist QEMU einfach, funktional und stabil genug, um Windows auf einem Linux-Desktop zu emulieren. Es bietet sowohl eine volle Systememulation (inklusive Prozessor und Peripheriegeräte) als auch eine Benutzermodus-Emulation für die Ausführung von plattformübergreifenden Binärdateien.
Es gibt auch einen closed-source QEMU-Beschleuniger namens KQEMU vom gleichen Autor, der QEMU-Benutzern kostenlos zur Verfügung gestellt wird und für beinahe native Geschwindigkeiten für i386-Emulationsumgebungen sorgt. Win4Lin verwendet beide Komponenten zusammen, um die verschiedenen Software- und Hardware-Komponenten für Linux-Host- und Windows-Gast-Umgebungen in Einklang zu bringen.
Endergebnis
Das Internet funktioniert sofort und ohne Umstände. Der Internet Explorer reagiert unter der Emulation und lädt die Standard-Homepage (die Unternehmens-Website von Win4Lin Professional) ohne Zögern, was für den unerfahrenen Linux-Benutzer ein ziemlicher Luxus ist. Das passt zur Null-Konfigurations-Initiative vieler neuer Windows-Anwendungen aus der Schule der Hands-Free Usability (Freihand-Bedienbarkeit). Die Installation ist insgesamt schnell und schmerzlos (ohne die Komplikationen mit dem KQEMU-Beschleunigermodul, die verschiedene Autoren bei einem ersten Durchlauf unseres Demonstrationssystems festgestellt hatten).
Win4Lin Pro enthält auch eine Schnappschussoption für emulierte Umgebungen, so dass keinerlei Veränderungen mehr in der emulierten Festplattenabbildung auf dem Host-Laufwerk festgeschrieben werden müssen. Damit lassen sich hervorragend Tests auf schädliche Software oder Viren durchführen oder man kann allgemein auf ansonsten nicht vertrauenswürdige Executables auf einem Windows-Desktop testen. Die Standard-Evaluationsfrist wurde von 14 auf 30 Tage verlängert und ist jetzt noch problemloser für noch mehr Linux-Distributionen als je zuvor installierbar.
Es gibt drei unterschiedliche Gast-Installationsverfahren:
image - allgemeiner Modus; alle Dateien, Dokumente und Einstellungen werden in GUEST.IMG gespeichert. shared - Geteilter Modus; alle Dateien außer dem Ordner Meine Dokumente werden in GUEST.IMG abgelegt und können danach gemeinsam mit dem Linux-Host verwendet werden. integrated - Die Windows-Konteneinstellungen werden im Linux-Dateisystem anstatt in GUEST.IMG aufbewahrt, was eine Art von "Roaming-Profil" erlaubt.
Der Aufschrei
Bestimmte spezialisierte Bibliotheken wie Microsoft DirectX werden unter Win4Lin nicht unterstützt, also bleiben für dieses Framework geschriebene Anwendungen weiterhin inkompatibel. Früher konnten die Performance-Unterschiede zwischen nativen und emulierten Windows-Umgebungen mit SYSMark2000 beschrieben werden. Spätere SYSMark-Versionen benötigen DirectX für Testergebnisse, womit SYSMark leider nicht mehr für Benchmark-Tests in Frage kommt. Stattdessen illustriert man diese Unterschiede nun mit funktionalen Teilen von Sandra 2007.
Es gibt mehrere bekannte Einschränkungen der Umgebung von Win4Lin Professional, die je nach Situation mehr oder weniger gravierend sind. Diese Einschränkungen werden im Folgenden kurz zusammengefasst. Eine komplette Liste ist in den Release Notes im lokalen Verzeichnispfad /opt/win4linpro/docs/Release-Notes.html jeder Installation von Win4Lin Pro zu finden.
Speicherbeschränkungen
Gast-Festplattenabbildungen (die Windows-Umgebung) sind auf maximal 64 GB Größe und die Betriebssystemversionen Windows 2000 vor SP3 und Windows XP (entweder Home oder Professional Edition) SP1 oder später beschränkt.
Plattformbeschränkungen
Windows 2000 aktualisiert auf SP3, Windows XP ohne Service Packs, Windows Recovery und OEM-Versionen (werksseitig installierte CDs) werden nicht unterstützt. Aus Tests ist bekannt, dass sie in vielen Fällen auch nicht ordnungsgemäß funktionieren.
Betriebliche Einschränkungen
Win4Lin Professional kann maximal zwei Drittel des insgesamt nutzbaren physischen RAM effektiv nutzen, also sind von jeweils 256 MB RAM immer nur 160 MB verwendbar. Dieser Wert kann zwar nach der Windows-Installation geändert werden, aber die Änderungen am Platz auf der Festplatte sind erst nach der Erstellung der ursprünglichen Abbildung endgültig.
